Die Bauarbeiten für das 2018 gestartete Hochwasserschutzprojekt Sarneraatal sind noch in vollem Gange. Es handelt sich um ein Jahrhundertbauwerk, das das Sarneraatal und insbesondere das Dorf Sarnen künftig vor Hochwassern wie dem verheerenden Ereignis im Jahr 2005 schützen soll. Zu den wichtigsten Massnahmen des Hochwasserschutzprojekts gehört ein 6,6 Kilometer langer Hochwasserentlastungsstollen. Er wird künftig Hochwasserabflüsse am Dorfkern von Sarnen vorbei direkt bis unter den Wichelsee in Richtung Alpnachersee leiten.
Unterhalb der Rückgabe des Entlastungsstollens wird das Flussbett der Sarneraa auf dem Gemeindegebiet von Alpnach so ausgebaut, dass auch sehr grosse Wassermengen mit möglichst geringen Schäden abgeleitet werden können.

Neben den Massnahmen zum Hochwasserschutz werden im Projekt auch ökologische Aufwertungen umgesetzt. Die gesetzliche Grundlage dafür bildet das 1992 in Kraft getretene Gewässerschutzgesetz. Dieses verlangt in Artikel 37, dass oberirdische Gewässer so gestaltet und unterhalten werden, dass sie einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt als Lebensraum dienen können. Auch Wasserbauprojekte mit dem Fokus auf Hochwasserschutz müssen daher möglichst so umgesetzt werden, dass sie einen ökologischen Mehrwert schaffen.
Höhere Gerinnekapazität für die Sarneraa
Im Fall des Hochwasserschutzprojekts Sarneraatal ist dies insbesondere für die Arbeiten im Gerinne von Bedeutung. Diese sind an der Sarneraa auf dem Gemeindegebiet von Alpnach bereits abgeschlossen und zeigen exemplarisch, dass Hochwasserschutz und ökologische Aufwertung keinen Widerspruch darstellen.
Mit den zusätzlichen Wassermengen, die neu durch den Stollen direkt in die Sarneraa unterhalb des Wichelsees eingeleitet werden können, musste die Gerinnekapazität zwischen dem Wichelsee und der Wasserrückgabe des Kraftwerks Sarneraa entsprechend erhöht sowie das Ufer gesichert werden. Bei Normalabfluss fliesst auf diesem Abschnitt eine Restwassermenge von knapp einem Kubikmeter pro Sekunde in der Sarneraa, wobei im Hochwasserfall allein durch den Stollen zukünftig bis zu 100 Kubikmeter pro Sekunde eingeleitet werden können.
Damit eine Niederwasserrinne auch bei dieser grossen Abflusskapazität die uneingeschränkte Fischwanderung langfristig sicherstellen kann, muss das Gerinne entsprechend strukturiert werden. Während im klassischen Wasserbau vorwiegend Stein und Beton zum Einsatz kamen, wurde an der Sarneraa, wo immer möglich, mit viel Holz gearbeitet. Lediglich auf der Höhe der ARA Sarneraatal konnte aufgrund der begrenzten Gerinnebreite und des grossen Schadenspotenzials nicht auf einen harten Verbau mit Blocksteinen und Beton verzichtet werden.
Strukturen aus Totholz schaffen Habitatvielfalt
In der Sarneraa wurde eine Vielzahl von sogenannten Engineered Log Jams (ELJ) eingebaut. Dies sind flussbauliche Grobstrukturen aus Totholz, die fest in der Gewässersohle oder im Ufer verbaut werden und natürlich vorkommende Totholzansammlungen imitieren, wie sie früher in grossen Fliessgewässern eigendynamisch entstanden sind. Dazu wird eine grössere Anzahl langer Stämme mit Wurzeltellern verwendet, die so angeordnet, hinterfüllt und überschüttet werden, dass sie den Strömungen im Fliessgewässer standhalten und die Sohle strukturieren respektive die Ufererosion verhindern. (Weitere Informationen: Engineered Log Jam (ELJ) | Plattform Renaturierung)

Im Gegensatz zu Verbauungen mit harten Materialien haben diese Totholzstrukturen den Vorteil, dass sie dynamisch sind und sich durch die Anlagerung von neuem Totholz sowie das Anwachsen von Vegetation auf den Strukturen im Idealfall selbst erneuern und stabilisieren, während sie gleichzeitig einen ökologischen Mehrwert bieten. Sie schaffen insbesondere unter Wasser eine kleinräumige Struktur- und Habitatvielfalt, wie sie mit Strukturen aus Stein nicht erreicht werden kann.
Auf der gesamten Strecke unterhalb des Wichelsees wurden mehrere solcher ELJs in verschiedener Grösse eingebaut. Insgesamt wurden rund 1600 Baumstämme mit und ohne Wurzelteller verwendet, die bei Rodungen im Rahmen anderer Projekte in Obwalden ohnehin angefallen waren. Das grösste ELJ erstreckt sich über gut 100 Meter Uferlänge.

Erste Laichgruben der Seeforelle entdeckt
Mit dem Projekt wurde auch die Linienführung der Sarneraa angepasst. Vor den Bauarbeiten floss die Sarneraa als gerader Kanal ohne erwähnenswerte Breiten- und Längenvariabilität. Im Gebiet Eichi befand sich eine Schwelle mit über einem Meter Überfall, die mit dem Projekt gänzlich entfernt werden konnte. Heute schlängelt sich die Sarneraa mit unterschiedlichen Breiten und Tiefen die Ebene hinunter.


Sarneraa vor und nach den wasserbaulichen Massnahmen. Bild: belop GmbH
Um die Vielfalt von Strukturen zu erhöhen, wurden zusätzliche Strukturen aus Holz und Steinen im Gerinne selbst eingebaut. Dadurch entstanden viele verschiedene Lebensräume, welche verschiedenen Fischarten in unterschiedlichen Altersstadien sowie weiteren, im Wasser lebenden Tieren und Pflanzen eine Nische bieten. Erste Erfolge dieser Aufwertung sind bereits ersichtlich. So wurden bereits vor Abschluss der Bauarbeiten Laichgruben der Seeforelle gefunden und auch die anderen, in der Sarneraa heimischen Fischarten haben die neue Umgebung schnell angenommen.
Eine weitere Massnahme, welche im Rahmen des Hochwasserschutzes umgesetzt wurde, ist die Anpassung des Geschiebesammlers Schlierenrüti. Dieser wurde so umgestaltet, dass ein Teil des Geschiebes aus der Grossen Schliere, einem Wildbach mit viel Gefälle und Hochwasserpotenzial, wieder in die Sarneraa gelangt und so für Dynamik sorgt.


Schlierenrütisammler und Sarneraa vor und nach den wasserbaulichen Massnahmen. Bild: belop GmbH
Geschiebe, das Substrat aus grossen und kleinen Steinen, welches sich natürlicherweise in unseren Gewässern befindet, ist ebenfalls von grosser Bedeutung für das Ökosystem Fluss. Es bietet mit seiner Struktur Lücken für kleine Lebewesen und Laichsubstrat für verschiedenste Fischarten. Zudem verhindert der konstante Materialeintrag, dass sich die Gewässer in den Untergrund eingraben.
Projektabschluss ist im Sommer 2027
Mit dem Hochwasserschutzprojekt konnte die Sarneraa in Alpnach somit grossflächig aufgewertet werden. Die Bauarbeiten auf einem weiteren Abschnitt der Sarneraa, auf dem Gemeindegebiet von Sarnen, sind zurzeit in vollem Gange. Auch dort werden drei grosse Aufweitungen umgesetzt, viel Totholz eingebaut und der Sarneraa ein Teil ihres Raumes und dadurch ihrer Dynamik zurückgegeben. Wer mit der Zentralbahn nach Sarnen fährt, kann derzeit mitverfolgen, wie das Projekt Gestalt annimmt.
Auch innerhalb des Dorfes Sarnen werden wasserbauliche Massnahmen umgesetzt, wobei hier aufgrund der Siedlung die Platzverhältnisse beschränkt sind. Abgesehen vom für die Regulierung des Abflusses der Sarneraa notwendigen Hilfswehres werden streckenweise die Ufer gesichert und kleinere Strukturen zur Verbesserung der Gewässerdynamik eingebaut.
Im Sommer 2027 werden die Arbeiten vollständig abgeschlossen sein. Schon heute zeigt sich, dass Hochwasserschutz und ökologische Aufwertung Hand in Hand gehen können. Möglich gemacht haben dies eine vorausschauende Planung, der Mut der kantonalen Fachstellen, neue und naturnahe Lösungen im Wasserbau umzusetzen, sowie die fachkundige und engagierte Arbeit aller Beteiligten vor Ort. Das Projekt zeigt beispielhaft, dass Hochwasserschutz nicht nur die Sicherheit der Bevölkerung erhöhen, sondern gleichzeitig auch den ökologischen Zustand unserer Gewässer verbessern kann und soll.
Hinweis zur Autorin
Dieser Newsbeitrag wurde von Teresa Venegoni verfasst. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin Gewässerschutz im Amt für Landwirtschaft und Umwelt im Kanton Obwalden. Als Mitglied des Fachgremiums der AKV ist sie für die Betreuung der AKV-Website sowie für die Probenahmen im Alpnachersee zuständig – dem einzigen Teil des Vierwaldstättersees, der auf Obwaldner Boden liegt.
